Etappe 6

Über den Alpenhautkamm am Pfitscherjoch

Karte: © OpenStreetMap-Mitwirkende

Motto des Tages: Über den Alpenhauptkamm — knapp an der Graslawine vorbei

Heute also die ersehnte Überquerung des Alpenhauptkamms. Wir starteten wie immer bei Kaiserwetter und machten uns von unserem Wohlfühlhotel in Mayrhofen aus auf den Weg zum Bahnhof, um uns an den 1.782 m hoch gelegenen Schlegeis-Stausee chauffieren zu lassen — natürlich nicht, ohne uns vorher ein genüssliches Frühstück einzuverleiben und uns von Silvana gebührend zu verabschieden.

Damit wir nicht wieder in den ganzen Tross der Alpencrosser hineinliefen, hatten wir uns für diesen Morgen eine besondere Strategie zurechtgelegt: Wir schlafen einfach mal richtig aus, gehen später zum Frühstück und starten ganz gechillt hinter allen anderen — und haben die gesamten Alpen dann ganz für uns allein. Leider hatte die Strategie einen kleinen Schönheitsfehler: Unser Gepäck wurde ausgerechnet an diesem Tag schon recht früh abgeholt. Als wir gegen 08:30 Uhr relaxed frühstücken wollten, mussten wir feststellen, dass es bis zum Gepäcktransport nur noch 15 Minuten waren — und damit war es mit der gemütlichen Morgenruhe erst einmal vorbei. Vor allem für Thido, der daraufhin in Windeseile seine Sachen packen musste, damit alles rechtzeitig zur nächsten Station kam. Zum Glück klappte das alles noch just in time, und wir erreichten unseren Ausgangspunkt der heutigen Etappe pünktlich.

Eine kuriose Tiroler Eigenheit am Rande: Das Busticket konnte man bequem am Bahnhof kaufen — nur um dann im Bus selbst nochmal 2,50 € Maut pro Person nachzulegen. Warum man die Maut nicht gleich ins Ticket einrechnet, bleibt vermutlich eines jener Geheimnisse, die man als Flachländer nie ganz durchschaut.

Vom wunderschön gelegenen Schlegeis-Stausee machten wir uns auf den Weg, immer weiter hinauf in die Alpen, zum 2.246 m hohen Pfitscherjoch, wo wir heute den Alpenhauptkamm überqueren wollten. Die Strecke führte uns zunächst entlang des Stausees mit spektakulärem Blick auf die umliegenden Gipfel — die eisbedeckten Häupter von Olperer (3.476 m), Schrammacher (3.410 m) und Hohem Riffler (3.231 m). Der Weg stieg dann stetig und gleichmäßig an, vorbei an tosenden Gletscherbächen und karger Hochgebirgslandschaft, die sich mit jedem Höhenmeter ein wenig unwirtlicher und gleichzeitig majestätischer präsentierte. Die Vegetation zog sich langsam zurück — erst verschwanden die Almwiesen, dann die letzten Sträucher, bis nur noch Fels, Schnee und Himmel blieben. Besonders schön war der lange Abschnitt entlang des Zuflussbaches am oberen Seeende: lichter Wald, plätscherndes Wasser, eingerahmt von den monumentalen Zillertaler Bergen.

Und irgendwo da oben, zwischen Österreich und Italien, wartete das Pfitscherjoch — und damit eine unsichtbare Linie, die zwei Welten trennt. Nördlich davon: Tirol, Almkäse, Käspressknödlsubbm und Enzianschnaps. Südlich davon: Südtirol, Espresso, Pasta und — wenn wir Glück haben — etwas weniger steile Wege.

Am Pfitscherjoch angekommen, wagten wir uns wieder an ein kulinarisches Experiment heran — diesmal in Gestalt einer Gershtlsubbm. Ein Wort, das man nüchtern kaum, nach zwei Enzian überhaupt nicht mehr aussprechen kann, und das klingt, als hätte jemand beim Scrabble alle übrig gebliebenen Buchstaben auf einmal abgeladen. Was sich dahinter verbarg, war freilich keine Gefahr für Leib und Leben, sondern eine erstaunlich wärmende, herzhaft-deftige Angelegenheit, wie sie nur eine Almküche zustande bringt, die seit Generationen weiß, wie man hungrige Wanderer wieder auf die Beine stellt. Graupen — jene kleinen, rundgeschliffenen Gerstenkörner, die in deutschen Kantinen seit jeher den Ruf der traurigsten aller Beilagen genießen — entfalten hier oben auf 2.246 Metern plötzlich eine Würde, die man ihnen im Flachland niemals zugetraut hätte. Sämig, kräftig, mit Speck und Wurzelgemüse versehen, schwammen sie in einer Brühe, die nach allem schmeckte, was ein erschöpfter Bergmensch sich wünscht.

Thido, mittlerweile zum Experten für Almküche im Extremformat avanciert, löffelte das Ganze mit der Andacht eines Mannes, der weiß, dass die nächste warme Mahlzeit erst wieder am Abend auf ihn wartet. Und ich? Ich stellte einmal mehr fest: Was man nicht aussprechen kann, schmeckt in Tirol meistens am besten.

Dabei saßen wir draußen in der Sonne an einem Tisch mit einem illustren Damengespann, das diese Tour auf eigene Faust unternahm — und folglich sein Gepäck selbst schleppte. Was die Damen an Traglast einsparten, holten sie offenbar an anderer Stelle wieder rein: Sie berichteten uns nicht ohne Stolz, dass dies bereits ihre dritte Einkehr des Tages sei. In der Hütte eine halbe Stunde weiter unten hatten sie ihr erstes Bier getrunken, mit uns nun das zweite — und zum Nachtisch gönnten sie sich kurzerhand zwei Espressi, selbstverständlich jeweils mit einem Obstler dazu. Spätestens da war klar: Wer den Alpenhauptkamm ohne Gepäckservice und mit dieser Schlagzahl an Einkehrschwüngen meistert, hat unseren vollsten Respekt verdient.

Kurz nach der Passage des Pfitscherjochs lieferte ich Thido — schon auf der italienischen Seite — noch eine kurze Schneeballschlacht. Beziehungsweise: Ich bewarf ihn mit Schneebällen, was angesichts der über 30°C im Tal reichlich absurd anmuten musste. Aber wenn man Ende Juni auf 2.200 Metern plötzlich vor einem veritablen Schneefeld steht, während man unten tagelang in der Hitze geschmort hat, dann lässt sich die Versuchung einfach nicht unterdrücken.

Von dort aus ging es dann den 800 m langen Abstieg hinunter bis nach St. Giacomo bzw. St. Jakob ins Hotel zum Dorfwirt — nicht ohne dass wir mitten im Sommer noch fast von einer Lawine verschüttet worden wären. Allerdings, und das macht die Sache so einzigartig, nicht von einer ordinären Schneelawine, wie sie sich für ordentliche Alpenüberquerer gehört, sondern von einer veritablen Graslawine. Denn hoch über uns waren die Landwirte gerade dabei, ihre Mahd von den schwindelerregend steilen Berghängen einzubringen. Mit einer Art Schneepflug wurde das getrocknete Heu immer weiter den Abhang hinuntergewälzt, bis es ganz unten — genau dort, wo wir liefen — in einem riesigen Schwall über den Weg hereinbrach. So kam es, dass sich tonnenweise Bergheu direkt auf zwei nichtsahnende Wanderer stürzte, die soeben noch stolz den Alpenhauptkamm bezwungen hatten. Wir hatten also die Wahl: dem Gershtlsubbm-Tod durch Erschlagung mit Heu ins Auge zu blicken oder beherzt zur Seite zu springen. Wir entschieden uns für Letzteres — mit einer Eleganz, die unseren steifen Wanderbeinen nach sieben Tagen eigentlich gar nicht mehr zuzutrauen war. Und so dürfen wir uns nun rühmen, vermutlich zu den wenigen Alpenüberquerern zu gehören, die im Hochsommer bei 30°C nur knapp einer Lawine entkommen sind — einer Lawine, die nach duftendem Bergheu roch.

Ziemlich erschlagen kamen wir dann nach der langen Etappe hier im Hotel zum Dorfwirt an und stellten als Erstes erleichtert fest, dass uns diesmal beiden ein ganz normales Zimmer zugewiesen wurde. Kein Rotlicht — nur schlichte, ehrliche Tiroler Gemütlichkeit, die nach einer 17-Kilometer-Etappe über den Alpenhauptkamm, einer einseitigen Schneeballschlacht und einer knapp überlebten Graslawine genau das Richtige war.

Und jetzt freuen wir uns auf das Spiel Deutschland gegen Ecuador.

Tipps & Hinweise

Nicht zu spät starten — die Idee, dem Morgentrubel auszuweichen und später loszugehen, klingt gut, hat aber zwei Haken: Das Gepäck wird teils früh abgeholt (Abholzeit checken!), und im Tal wie an der Staumauer ist es schon morgens brütend heiß.

Maut nicht vergessen — das Busticket gibt's am Bahnhof Mayrhofen, im Bus kommen aber nochmal 2,50 € Maut pro Person dazu. Kleingeld bereithalten.

Wasser, Wasser, Wasser — der Aufstieg zum Pfitscherjoch führt durch karges Hochgebirge ohne Schatten. Bei 30°C im Tal unbedingt genug einpacken, oben gibt's erst an der Hütte wieder etwas.

Pfitscherjoch-Haus: perfekte Gipfeleinkehr — Gershtlsubbm und ein Radler mit Blick auf den Hochfeiler. Biergarten direkt an der Grenze, Italien beginnt quasi am Nebentisch.

Schneefeld im Hochsommer — auf der Südseite liegt oft noch bis in den Sommer Schnee. Gut für eine kurze Abkühlung (oder Schneeballschlacht), aber Vorsicht bei der Querung — kann rutschig sein.

Augen auf beim Abstieg — im Sommer bringen die Bergbauern ihre Mahd ein und lassen das Heu die Steilhänge hinunter. Klingt skurril, kann aber tatsächlich den Weg blockieren. Kurz schauen, was von oben kommt.

Festes Schuhwerk — der 800-m-Abstieg nach St. Jakob ist lang und zieht in die Knie. Trittsicherheit und gute Sohlen zahlen sich aus.

Übernachtung

St. Giacomo "Zum Dorfwirt"

Fotos

Wohlfühlfrühstück bei Sylvana
Wohlfühlfrühstück bei Sylvana
Schlegeis-Staumauer
Schlegeis-Staumauer
Schlegeis-Stausee
Schlegeis-Stausee
Wasserfall und krasser Kerl
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Blick zurück und dann geht es ...
Blick zurück und dann geht es ...
... in die Zillertaler Alpen
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Kuh-Schäfer-Stündchen
Kuh-Schäfer-Stündchen
Wasserfälle überall
Wasserfälle überall
Berge überall
Berge überall
Wander- und Steinmänchen überall
Wander- und Steinmänchen überall
Wir verlassen das Zillertal
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Alpenhauptkamm - das Pfitscherjoch
Alpenhauptkamm - das Pfitscherjoch
Gershtlsubbm
Gershtlsubbm
Alpencross mit Thido und Herz
Alpencross mit Thido und Herz
See ...
See ...
... und Schnee am Pfitscher
... und Schnee am Pfitscher
Hier gehts in Pfitschertal
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Blick auf die Dreitausender
Blick auf die Dreitausender
Bella Italia - St. Giacomo
Bella Italia - St. Giacomo
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